Bauhausbühne

Bauhausbühne

von Michelle Hanika

Die Grenze zwischen Handwerk, Kunst und Technik finden, sie öffnen und mit einer neuen Gestaltungssprache voranschreiten. Das Bauhaus entwickelt seinerzeit auf anti-akademische Weise revolutionäre künstlerische Ansätze und prägt unser Verständnis von Architektur, Kunst und Design bis heute. Eine Schule mit offener, experimenteller Struktur gibt seinen Mitwirkenden genügend Raum für neue Impulse nach dem ersten Weltkrieg. Im Bauhaus blickt man gemeinsam nach vorn und ist auf dem Weg, eine völlig neue Idee von Gesellschaft zu kreieren. In nur 14 Jahren (1919-1933) waren nahezu 1300 Schüler auf der Suche nach dem zukünftigen Menschen, für den es bedürfnisgerecht zu gestalten galt.

Oskar Schlemmer, Stäbetanz, Manda von Kreibig – Foto: Lux Feininger 1929 – Foto Archiv C. Raman Schlemmer

Die Bühnenwerkstatt galt dabei als Gemeinschaftsprojekt für alle Studierenden des Bauhauses: Zunächst unter der Leitung Lothar Schreyers und ab 1923 von Oskar Schlemmers Idealbild des Menschen geprägt, wollte man dort neue Möglichkeiten des Theaters finden und auf die Probe stellen. Durch Experimente mit Licht, Farbe und Musik galt es, die Beziehung von Mensch und Raum durch Bewegung, Tanz und Kostüm weiter zu erforschen.
Den ersten Weltkrieg an der Front in Russland miterlebt, wird Schlemmer 1920 frisch verheiratet ins Bauhaus gerufen, zunächst als Professor für Wandbildmalerei.
Eine neue Formensprache finden, den Menschen als Maß aller Dinge betrachten: Das Motiv der menschlichen Figur wird ihn sein Leben lang antreiben. Den Menschen auf anti-expressionistische Weise abstrahieren und ihn zur Kunstfigur machen. Die menschliche Figur so auf eine harmonische, übergeordnete Welt der Formen zu heben und dabei vollkommen entpersönlichen.

In der Arbeit an Bühnenbild- und Kostümgestaltung für das triadische Ballett 1922 überträgt Schlemmer sein malerisches Idealbild auf den realen menschlichen Körper. Raumtanz, Formentanz und Gestentanz sind Grundlage für die Kommunikation zwischen Mensch und Raum.
Tagebuchnotiz vom 5. Juli 1929:

Abgeleitet von Trias = Dreiklang, ist das Ballett ein Tanz der Dreiheit zu nennen, des Wechsels der Eins, Zwei und Drei. Eine Tänzerin und zwei Tänzer: Zwölf Tänze und achtzehn Kostüme. Solche Dreiheiten sind ferner: Form, Farbe, Raum; die drei Dimensionen des Raumes: Höhe, Tiefe, Breite; die Grundformen: Kugel (Kreis), Kubus (Quadrat), Pyramide (Dreieck); Die Grundfarben: Rot, Blau, Gelb; die Dreiheit von Tanz, Kostüm und Musik, und so weiter.

Oskar Schlemmer- Figurinen zum Triadischen Ballett, 1922; Staatsgalerie Stuttgart

Seine raumplastischen Bühnenkostüme verhüllen die Körper der Darstellenden und schränken dabei erheblich deren Bewegungsfreiheit ein. Volumina und Gewicht beeinflussen und abstrahieren dadurch die Bewegungsabläufe der Tänzer.
Die Malerei und Formensprache Schlemmers wird durch die Bühnen- und Kostümarbeit nachhaltig geprägt. Er widmet sich dem Menschen nun als Objektfigur im Raum, stellt Perspektiven her und positioniert ihn. Der Einfluss der Architektur auf die Bewegungsabläufe des menschlichen Körpers treibt ihn voran.
Mit dem Umzug des Bauhauses nach Dessau wurde die Bauhausbühne 1926 als zentraler Ort mit zweiseitigem Auditorium durch Faltschiebewände zum Mensabereich angelegt: „die Tatsache der zwei Fronten, keine Rückendeckung zu haben, gibt der Mitte der Bühne eine erhöhte Bedeutung und zwingt zu einem raumplastischen Spiel, das sowohl körperbewegungsmäßig als auch Wort- und Tonakustisch neue Wirkungen ergibt.“ – so Oskar Schlemmer.
Die Bauhaustänze als Weiterführung des triadischen Balletts entstehen. Die „Materialtänze“ untersuchen szenische, charakteristische Aspekte eines Materials, mit denen der Tänzer fusioniert, er selbst verwandelt sich so zur Rauminstallation.
Schlemmer entwickelt ein neues Unterrichtsfach „der Mensch“ und findet neben Aktzeichenkursen immer weniger Zeit für seine Arbeit auf und mit der Bühne. Währenddessen bildete sich die „junge Gruppe“ , eine Vereinigung junger kommunistisch orientierter Studenten, deren politische Vorstellungen ihre Arbeit auf der Bühne beeinflusst. Ab 1927 gab Xiang Schawinsky Kurse über seine Erfahrungen als Bühnenbildner am Zwickauer Stadttheater. Mit der Neuanstellung von Hannes Meyer als zweiter Bauhausdirektor wurde Schawinsky zum Lehrer für Bühnenbilddesign berufen. 1929 tourt die Bauhaus-Bühne mit den Tänzen von Oskar Schlemmer in Deutschland und der Schweiz. Dieser verlässt Ende des Jahres das Bauhaus für die Staatliche Akademie für Kunst und Kunstgewerbe Breslau, wo er bis 1932 eine Bühnenkunstklasse leitet und das Lehrgebiet „Mensch und Raum“ entwickelt. Um Kosten zu verringern, ließ Hannes Meyer die offizielle Bühnenabteilung schließen. Die politische Situation spitzt sich zu und eine Konferenz der Lehrkräfte beschließt schließlich das Bauhaus 1933 aufzulösen. Durch Emigration von Schülern und Lehrern in den darauffolgenden Jahren, wird die Idee und der Geist der Bildungsstätte Bauhaus in die Welt getragen und ist so bis heute Vorbild und Inspiration. Der experimentierfreudige Umgang in den Werkstätten, auf der Bühne und im Kopf der Menschen legte den Grundstein für heutige Hochschulen und Labore im gestalterischen Kontext.

[…] die Produkte des Bauhauses sind eigentlich nicht das Entscheidende, sondern die Richtung, mit der wir eine Methode vorwärts getrieben haben. Das Bauhaus ist eine Idee der Methode, die ebenso lebendig heute angewendet werden kann wie vor 30 Jahren.

– Walter Gropius, 1959