Vorhang auf für Darstellende Künste

Vorhang auf für Darstellende Künste

Welche Formen der Darstellung auf einer Bühne gibt es und was macht sie jeweils aus?

von Sabrina Glombik

Filtert deine Netflix Startseite weitgehend Abenteuerfilme, Dramen, Horrorfilme oder Dokumentationen heraus? Liegen überwiegend Krimis, Liebesromane oder Fantasy Bücher in deinem Regal?  So vielseitig und vielschichtig unsere Geschmäcker, Bedürfnisse und Interessen sind, so vielschichtig sind die Darbietungsformen von Film, Literatur, Kunst, Musik oder Theater – und all diese Darstellungsformen unterliegen verschiedenen Ausprägungen. Unter bestimmten Merkmalen und Voraussetzungen werden diese nach Gattung, Stil, Epoche und Genre kategorisiert.

Zur Erklärung; Gattung ist die gröbste Einteilung und bezieht sich auf das Ausdrucksmedium (Epik, Lyrik, Dramatik). Der Stil ist spezifischer und bezieht sich auf die Formensprache. Man kann sagen, der Stil zeichnet den Charakter aus. Die Epoche bezieht sich auf die räumlich-zeitliche Zuordnung. Das Genre bezieht sich auf den thematisch-motivischen Inhalt der Kunst. Mit jedem Genre sind bestimmte Erwartungen verbunden, auch Genre-Konventionen genannt. So erwarten die LeserInnen von einem Krimi andere Inhalte und Entwicklungen als von einer Liebesgeschichte. In einem Genre wiederum existieren verschiedene Stile, die Stark von der jeweiligen Gattung beeinflusst sind. Viele Filme bedienen auch mehrere Genres gleichzeitig. Der Erfolgsfilm Titanic beispielsweise bedient verschiedene Genre wie Abenteuer, Action und Romanze.

Das Theater bedient zahlreiche Genres. Ich habe mich mit 7 Genres befasst, die die große Vielfalt des Theaters widerspiegeln.

 

König Ödipus, Tragödie von Sophokles Quelle: Volkstheater Rostock

DRAMA

1. Analytisches Drama

Das analytische Drama stellt zu Beginn lediglich die letzten Auswirkungen, quasi die Zugspitze einer Katastrophe oder auch nur die Katastrophe selbst dar. Daher wird sie auch Enthüllungsdrama genannt. Die Vorgeschichte des Geschehens ist zu Beginn unbekannt, liegt aber als eigentliche Handlung vor dem, was geschieht. Während des Stückes wird werden Einzelheiten der Vorgeschichte aneinandergereiht bis zum Erkennen der Wahrheit. Die dramatische Handlung besteht in der Aufklärung. Das analytische Drama gibt es seit der Antike, war als romantisches Schicksalsdrama ausgeprägt und im Naturalismus geschätzt. Als Prototyp des analytischen Dramas gilt Sophokles’ König Ödipus ca. 429–425 v. Chr., das älteste bis heute erhaltene Drama dieser Art.

2. Melodram

Im Mittelpunkt melodramatischer Erzählungen stehen emotionale Konflikte der meist weiblichen Darstellern. Vorwiegend sind es Widersprüche, Paradoxien und unaufhebbare Endlichkeit sozialer Beziehungen. Liebe, Familie, Unterdrückung der Sexualität und Konflikte mit der repressiven Norm bürgerlicher und feudaler Gesellschaften stehen als Probleme im Mittelpunkt. Zudem ist die Hauptfigur eines Melodramas immer eine extreme Idealvorstellung (Selbstbestimmung, Freiheit, Glück etc.). Das Thema ist eine Erfahrung des Scheiterns, eine Leidensgeschichte. Die Handlungen werden weniger realistisch erzählt, sondern überhöht mit komplexen Symbolisierungen, durch die Probleme wie Unsicherheiten, soziale Nöte, verdrängte Vergangenheiten und vieles mehr sichtbar werden. Die bürgerlichen Tragödien von Gotthold Ephraim Lessing und die moralistischen Dramen von Friedrich Schiller sind Vorbilder des Melodrams.

 

Aufnahme aus dem Theaterstück „Glückliche Tage“ von Samuel Beckett / Quelle: Pilkentafel.de

3. Absurdes Theater

Das Genre bricht bewusst mit den klassischen Regeln des Theaters. Hierbei geht es darum, die Absurdität der Welt zu verstehen.  Diese Theaterform entwickelte sich um 1950 in Frankreich und gilt als Reaktion auf eine „sinnentleerte Welt“, die den Menschen zwar in Freiheit, aber auch in Angst und Vereinsamung zurücklässt. Demnach hat das Leben keinen Sinn, an dem sich alle orientieren können. Den Sinn des Lebens muss jeder für sich selbst suchen. Autoren wie Eugene Ionesco und Samuel Beckett sind die bekanntesten des absurden Theaters. Bekannte Stücke sind „König Ubu“ von Alfred Jarry, „Warten auf Godot“ von Samuel Beckett und „das große Massakerspiel“ von Eugene Ionesco.

EPISCHES THEATER

4. Satire

Satire begegnet uns in Zeitungen, im Fernsehen und auch auf der Theaterbühne. Sonneborn, Böhmermann und Co. werden so zu Lichtgestalten der Aufklärung. Satire Theater als kritische oder hämische Auseinandersetzung mit politischen und anderen aktuellen Themen bei denen Personen, Ereignisse oder Zustände kritisiert, verspottet oder angeprangert werden.    Dabei wird offensichtlich Schlechtes als etwas Gutes dargestellt und Übertreibung oder Untertreibung als Stilmittel verwendet. In den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts waren Karl Kraus (Zeitschrift „Die Fackel“, ab 1899) und zu Zeiten der Weimarer Republik Bertolt Brecht, Erich Kästner oder Kurt Tucholsky für ihre Satiren bekannt.

 

Theaterstück: Ein Schwabe auf dem Weg nach Hawaii von Peter Schwarz Quelle: swp.de/suedwesten/landkreise/

KOMÖDIE

5. Schwank

Als witziges und publikumsnahes Theatergenre, ist „Schwank“ Teil meiner Favouritenliste. Durch volksnahe Erzählungen oder Theaterstücke, erzählen sie von komischen Situationen aus dem Volksleben. Schwänke leben von Charakter- und Situationskomik. Es begegnen sich meist gegensätzliche Figuren aufeinander (Armer und Reicher, Herr und Knecht, Einfältiger und Schlauer, Pfaffe und Laie), wobei einer dem anderen meist tatsächlich oder nur scheinbar überlegen ist. Die Stücke sind meist kurzweilig. Berühmte große Schwanksammlungen entstanden im 16 Jh., wie z.B. J. Pauli: „Schimpf und Ernst“ (1522) oder J. Wickram: „Das Rollwagenbüchlein“(1555).

 

Theaterstück: Marry Poppins. Foto: Johan Persson Quelle: eventim.de/magazin/

6. Musical

Unter den populärsten Theatergenres zählt zweifellos das Musical. Im letzten Jahr waren sie die beliebteste Art von Veranstaltungen der Deutschen, noch vor Popkonzerten und Fußballmeisterschaften. Und warum? Eine häufige Antwort ist: „Man taucht in eine vollkommen andere Welt, kann sich gut in verschiedene Charaktere hineinversetzen, das gepaart mit fantastisch erzählender Musik, starkem Ausdruckstanz und einem glaubwürdigen Schauspiel ist.“ Die theaterwissenschaftliche Definition lautet: „Ein Musical ist eine populär und zeitgemäß aufgeführte Theaterproduktion, die aus Live-Darbietungen in den Bereichen Schauspiel, Tanz, Gesang und Musik besteht.“Die Ursprünge des Musicals finden sich in New York City um 1900. Es ist keine Weiter- oder Fortentwicklung von Singspiel, komischer Oper oder Operette, sondern ein eigenständiger Nebenzweig, der neue Publikums-Bedürfnisse befriedigen soll. Das Musical behandelt unter anderem auch gesellschaftliche oder politisch sensible Themen. Viele Musicals basieren dabei auf literarischen Vorlagen verschiedener Gattungen und Epochen. Auch musikalisch ist ein breites Spektrum stilistischer Einflüsse erkennbar: von Popmusik, Tanz- und Unterhaltungsmusik bis zu Jazz, Swing, Soul und Rock ’n’ Roll, um nur einige zu nennen. Hier wird zum Mitsingen animiert. Grundsätzlich werden (durchgehende) Geschichten erzählt, d.h. der erzählerische Ablauf eines Musicals orientiert sich grundsätzlich an den typischen dramaturgischen Regeln.

 

Augusto Boal, Entwickler des Forumtheaters. Foto von Jean-Gabriel Carasso, 1979 Quelle: culturematters.org.uk/index.php

THEATERPÄDAGOGIK

7. Forumtheater

Man nennt es auch „Theater der Unterdrückten“. Das besondere hierbei ist, dass die Zuschauer selbst Teil eines Stückes werden können. Bei einem Stück wird der Protagonist meist unterdrückt oder steht vor einem unüberwindbaren Hindernis. Nach dem Stück können die Zuschauer selbst auf die Bühne gehen und zeigen, welche alternativen Handlungsoptionen es für den Protagonisten gegeben hätte. Eine teatrale Debatte wird entstehen, in der die Teilnehmer Erfahrungen und Ideen austauschen und erproben. Das Thema des Stücks hat meist eine zentrale Bedeutung für das Publikum. Oft handelt es sich um eine geteilte Erfahrung. Entwickler des Forumtheaters ist der brasilianische Regisseur und Theaterautor Augusto Boal. Forumtheatermacher Harald Hahn ist mit dem Berliner Kieztheater in Deutschland aktiv.