Achim Freyer

Achim Freyer

von Ricarda Lucks

© Thilo Rückeis

Wer ist Achim Freyer? Ein Bühnenbildner der Gegenwart, soviel war mir klar. Was ist ein Bühnenbildner der Gegenwart? Was zeichnet ihn aus? Welch ein Mensch steckt dahinter? Diese Fragen beschäftigten mich, als ich am Anfang dieser Kolumne stand. Bei meinen ersten Recherchen stieß ich auf Bilder eines sympathischen alten Mannes. Durch seine zausigen Haare und schneeweißen Haare, erinnerte er mich direkt an meinen eigenen Opa – ein alteingesessener, nordischer Seemann.
Nachdem ich mich näher mit der Biografie Achim Freyers beschäftigte, wurde schnell klar, dass er natürlich keineswegs ein Seemann war, in seinem Leben allerdings viel gemeistert und erschaffen hat. Achim Freyer wuchs in der ehemaligen DDR auf. Im Alter von ca. 8 Jahren, verlor er seinen Vater während des Zweiten Weltkriegs. Dieser äußerte sich um die Sinnlosigkeit des Krieges und wurde daraufhin erschossen.
Achim Freyer ließ sich als Maler und Grafiker ausbilden und begab sich dann an das Berliner Ensemble. Dort wurde er Meisterschüler von Bertholt Brecht. Im Alter von 38 Jahren war es ihm möglich in den Westen zu flüchten. Seine bis dato ausgeführte Tätigkeit als Kostüm- und Bühnenbilder konnte er von nun auf das Regie führen erweitern. Seine Karriere nahm Fahrt auf und bereits in den folgenden Jahren durfte er viele Erstaufführungen sehr erfolgreich gestalten. Später wurde er Professor an der Universität der Künste in Berlin.
Ich muss zugeben, dieser Werdegang hat mich ziemlich beeindruckt und ich wurde neugierig, was Achim Freyer für ein Mensch ist. Nachdem ich mir ein aktuelles Video einer Vernissage seiner ehemaligen Studenten gesehen habe, bekam ich einen sehr sympathischen und in seiner Wortwahl sehr bedachten Mann zu sehen. Achim Freyers Ansprache an die Besucher bestand aus einem Gedicht. Ein Gedicht, welches nur aus einzelnen Worten bestand. Abgeschlossen hat er dieses durch ein wahrlich stolzes Lob, in Form eines jubelnden ‚BRAVO‘s, an seine Studenten.

ACHIM FREYER – BILDER, Ausstellung im KUNSTHAUS der ACHIM FREYER STIFTUNG, 2019-20

Betrachtet man nun seine Bühnenbilder und Malereien, wird man überrascht, wie expressionistisch Achim Freyer arbeitet. Auf seinen Bühnen fällt eine Vielzahl von Masken und Kostümen ins Auge. Sie sind mal groß, mal klein, bedrohlich, zurückhaltend, bunt, weiß oder auch mal gar nicht vorhanden. Ebenso divers lassen sich seine Bühnenbilder beschreiben. Von einem schlichten weißen Hintergrund bis hin zu einem aufwendig, expressionistisch gestalteten Schauplatz ist alles vertreten. Mir wurde schnell klar, dass er mit allen Mitteln versucht auf etwas aufmerksam zu machen. Den Betrachter in seinen Bann zu ziehen und zum Nachdenken anzuregen.
Nach seinen fast fünf Jahrzehnten Bühnenbildner Arbeit wird er nach wie vor als ‚künstlerisches Experiment‘ betitelt, welches man als durchweg positives Kompliment auffassen sollte. Sein künstlerisches Extrem, bekam allerdings nicht von Beginn an Anklang in konservativen Kreisen. Dabei werden klare Stilmittel erkennbar, wenn man sich näher mit Freyers Arbeiten befasst. Wiederkehrende Motive, beispielsweise von Seil und Schlange, lassen sich erkennen. Stilisierte Einhüllungen von Körperformen, Puppen und Masken, sowie Ableitungen aus bekannten Theaterstücken, wie zum Beispiel des Kasperletheaters oder des Triadischen Balletts, treten häufiger auf. Auch wenn Achim Freyer eine starke Varianz in seinen Stücken hat, wird stets eine unverwechselbare Handschrift sichtbar. Er greift Formen und Farbkombinationen auf, reduziert oder reichert diese an und veredelt und pointiert sie. So entsteht seine eigene Sprache von Vereinheitlichung und Variabilität. Er bedient sich an modernen, expressionistischen Stilmitteln. So gelten als sein Markenzeichen knallbunte (Alp-)traum-Szenarien, bizarre Ungeheuer und überlebensgroße Puppen. Beispiele aus einer ungeheuren Vielzahl an Gegenständen seiner Bühne sind: stilisiert agierende Darsteller ohne emotionalen Kontakt, riesige boxsackähnliche Kondome, die von der Decke hängen, Micky-Mausohren mit Schlagstöcken, mit Graffiti bekritzelte Wände, Clownerie, blutende Augen aus roten Stofffetzen, aufgeblasene Brüste oder eine Monsterschere aus Regenwürmern.

Parsifal von Richard Wagner; Inszenierung, Bühne, Kostüme und Licht: Achim Freyer; Staatsoper Hamburg

Insgesamt lassen sich drei grundlegende Eigenschaften von Achim Freyers Bühnenbilder feststellen. Zum einen liegen ihnen ein virtuoses Handwerk zugrunde. Zugleich werden sie immer wieder von hintergründigem Geist durchdrungen und mit überschäumender Fantasie gekrönt. Dies lässt ihre besondere und beständige Bedeutung entstehen.
Ein Zitat von ihm lautet:

Ich bin dafür bekannt, dass ich sehr viel ändere und überraschend schöne Lösungen zerstöre und nochmal eine ganz andere mache.

Dieses Zitat lässt sich ebenso auf seine Malerei beziehen. Mit seinen farbenfrohen, oftmals großformatigen Gemälden möchte er auf diverse Missstände aufmerksam machen, und Lösungsansätze initiieren. Dies gelingt ihm durch die vielseitigsten Gestaltungsmittel. Es wird stets deutlich, dass Achim Freyer für und durch seine Werke lebt. Er geht mit der Zeit und erschafft äußerst moderne und würdevolle Arbeiten.
Die nähere Beschäftigung mit diesen Arbeiten und auch mit ihm als Persönlichkeit, kann ich allen nur wärmstens ans Herz legen.