Robert Wilson

Robert Wilson

Bob Wilson – ein Revolutionär des Theaters?

von Klara Schönberg

© Lucie Jansch

Robert Wilson ist eine überragende Figur in der Welt des experimentellen Theaters und ein Entdecker in der Nutzung von Zeit und Raum auf der Bühne.

– Die New York Times

Der am 04. Oktober 1941 in Waco, Texas, geborene Robert „Bob“ Wilson zählt weltweit zu den renommiertesten Vertretern des Theaters der Gegenwart. Er ist nicht einfach nur Regisseur von Theater und Oper – vielmehr versteht er sich auch als Autor, Maler, Lichtdesigner, Bühnenbildner, Videokünstler und Architekt. Der Texaner studierte zuerst Betriebswirtschaft, dann Architektur und auch noch Bühnenbild. Schon früh galt sein Interesse dem Theater mit Amateurschauspielern – vor allem arbeitete er gerne mit gehörlosen Menschen, die durch ihre eigene Art und Weise der Welterfassung neue individuelle Darstellungen auf die Theaterbühne transportierten.

1968 hat Wilson einen taubstummen afroamerikanischen Jungen und Anfang der 1970er Jahre einen autistischen Teenager adoptiert. Wilson gründete 1968 die in New York ansässige experimentelle Performance Company „Byrd Hoffman School of Byrds“, benannt nach der texanischen Tänzerin Byrd Hoffmann, die Wilson 1958 von seinem Stottern heilte. Die zwischen 1968 und 1975 aktive Künstlergemeinschaft hat das Theater und die Performance-Kunst grundlegend erneuert. Wilson produzierte in dieser Zeit unter anderem die legendäre siebenstündige Silent Opera „Deafman Glance“ im Jahr 1971, welche ihm zum internationalen Durchbruch verhalf. 1976 war die Uraufführung von der bahnbrechenden Oper „Einstein on the beach“, welche in Zusammenarbeit mit Philip Glass entstand.

Robert Wilsons Weg führte bereits früh in seiner Karriere auch nach Deutschland, wo er viele Stücke deutscher und internationaler Autoren auf den großen Bühnen neu auslegte und somit dem deutschen gegenwärtigen Theater grundlegende Anregungen bei der Entwicklung gab. Robert Wilson wählte bei zahlreichen seiner Arbeiten Deutschland aus, um seine Arbeiten uraufzuführen. Dadurch schaffte er sich ein Netz von Bekanntschaften zu deutschen Theaterleuten – vor allem pflegte er einen langjährigen Kontakt zu Heiner Müller. Eines der bedeutendsten und vielleicht auch meistgespielten Werke Robert Wilsons ist das Musical „The Black Rider“ von Webers „Freischütz“, welches 1990 in Hamburg uraufgeführt wurde. Bis heute produziert Wilson immer wieder auch deutsche Werke auf Bühnen weltweit – etwa von Büchner, Brecht, Wagner und Strauss.

The Black Rider © Martin Eberle

The Black Rider © Clärchen Baus-Mattar

Robert Wilson ist nicht allein für seine Arbeit als Regisseur von Theater und Oper bekannt – auch als Künstler ist Wilson sehr erfolgreich. Zahlreiche Gemälde und Skulpturen finden sich auf Ausstellungen und in Museen weltweit wieder. Er wurde für seine Arbeiten für den Pulitzer Preis, den Goldenen Löwen, die Biennale in Venedig und den Oliver Award nominiert. Wilson hat das Watermill Center in New York gegründet, ist dort heute künstlerischer Leiter und lebt auch in New York.

Seine künstlerische Neigung zeigt sich auch in der Herangehensweise seiner Projekte fürs Theater. Zeichnungen spielen in der Vorarbeit eine elementare Rolle: „Wenn ich an einem Stück arbeite, zeichne ich jede Szene wieder und wieder, um vertrauter zu werden mit den Proportionen des Traums, um ein Gefühl für das Licht und die emotionale Struktur zu bekommen.“ (Robert Wilson) Während der gesamten Vorbereitungen für eine Aufführung hält Wilson seine Vorstellungen in Zeichnungen fest. Die gefundene Lösung ist nicht in einer endgültigen Zeichnung erkennbar – Wilson produziert handkleine Studien, die in einer Abfolge aneinandergereiht sind und so die Veränderungen des Raumes je nach Tageszeit zeigen. So lässt sich auch die besondere Rolle von Intensität, Einfallswinkel und Irritation des Lichts bei der Veränderung im Raum erkennen. Das Verhalten von den Figuren, die er nur als abgemagerte Strichfiguren zeichnet, bleibt unklar. Die Figuren markieren einen bestimmten Ort auf der Bühne – ein Verhältnis zur szenischen Architektur wird so hergestellt.

Storyboard von Robert Wilson zu Einstein, am Strand, 1976

Storyboard von Robert Wilson zu Einstein, am Strand, 1976

Durch die Planung seines Stücks in einer Abfolge von Bildern drückt Wilson sein besonderes Interesse an der Form aus – er will sichtbar machen und nicht erzählen. Er versteht sein Stück als eine Abfolge von visuellen Ereignissen, die losgelöst sind von dem gesprochenen Text. Wilson schafft es ein Gleichgewicht zwischen atmosphärischem Hell und Dunkel zu schaffen, in dem er das Licht als eigentlichen Akteur des Bühnenbildes einsetzt.

Wilson setzt Licht unverkennbar ein. Er benutzt Licht als eigenständiges gestalterisches Mittel. Er arrangiert perfekt ausgeleuchtete und grafische Objekte als Scherenschnitte, die vor farbigen Backdrops mit magischen Farbverläufen erst richtig zur Geltung kommen. Der Architekt und Lichtdesigner teilt dem Licht eine besondere Bedeutung zu

Ohne Licht gibt es keinen Raum.

– Robert Wilson

Seine Handhabung mit Zeit und Raum auf der Bühne überschreitet die Grenze zur Wirklichkeit. Wilson lehrt seinem Publikum, dass es genauso wie in der Kunst keine Natürlichkeit auf der Bühne gibt – Künstlichkeit wird konstruiert. Wilson lässt seine Schauspieler in Marionetten verwandeln, die wie große Spielfiguren seine konstruierte Welt lebhaft machen. Wilson wurde als junger Mann stark von Kleists Aufsatz „Marionettentheater“ inspiriert. Von hier rühren seine typischen Bewegungen her, die er seine oft maskierten Schauspieler ausführen lässt: verlangsamte aber präzise Bewegungsabläufe und expressive Gesten. Diese sehr förmliche und unpersönliche Art des Schauspiels kennt man sonst nicht aus der westlichen Theatertradition, sondern eher von fernöstlichen Theatertraditionen, wie z.B. auf Bali: Dort muss man alleine einen Kanon von dreihundert Augenbewegungen lernen, um vor Publikum auftreten zu dürfen.

Die Verknüpfung ungewöhnlicher Kombinationen aus Tanz, Bewegung, Schauspiel, Licht, Bildhauerei, Malerei, Musik und Text charakterisieren seine Arbeiten. Somit integriert er in seine Arbeiten eine Vielzahl von künstlerischen Medien für die Bühne auf unkonventionelle Weise. Robert Wilson kreiert emotional hoch aufgeladene Bilder, die durch ihre kühle Ästhetik nicht zu verwechseln sind. Wilson schafft Gesamtkunstwerke, die ihre Wirkung auf den großen Bühnen weltweit entfalten.

Die Inszenierungen Robert Wilsons haben das Erscheinungsbild von Theater und Oper seit den späten 1960er Jahren weltweit entscheidend geprägt. Durch seinen unverkennbaren Einsatz von Licht, seine Untersuchungen der Struktur einer einfachen Bewegung und die klassische Strenge seines Bühnenbild- und Möbeldesigns hat Wilson die Kraft und Originalität seiner Vision immer wieder artikuliert. Der Texaner hat eine sofort wiedererkennbare Bühnenwelt erschaffen.

Seit Oktober 2019 ist Robert Wilson mit seiner Inszenierung von „Das Dschungelbuch“ nach dem Roman von Rudyard Kipling am Düsseldorfer Schauspielhaus zu sehen.


Quellenangaben:

https://www.memo-media.de/blog/robert-wilson-buehnenraeume-buehnentraeume/https://www.dhaus.de/ensemble/robert-wilson/https://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_seoglossary&view=glossary&catid=78&id=348&Itemid=67https://www.welt.de/regionales/nrw/article164111827/Auf-dem-schmalen-Grat-zwischen-Grusel-und-Groteske.htmlhttps://www.goethe.de/resources/files/pdf25/13018956-STANDARD.pdfhttps://www.zeit.de/1982/23/der-zeichner-robert-wilson